• casparschlenk

„Die Berliner Start-up-Szene meide ich“

Bijan Mashagh, Snooze Project


Vor ein paar Wochen stand alles auf dem Spiel. Zum ersten Mal. Ich saß im Zug und fuhr zurück aus dem Urlaub nach Hamburg, hatte ihn hastig abgebrochen, weil ich merkte, dass es brennt. Mir wurde erstmals bewusst, wie sich diese Krise für mich ganz persönlich auswirken könnte. Im schlimmsten Fall müsste ich Privatinsolvenz anmelden. Drei Jahre Arbeit wären auf einen Schlag dahin.





Zusammen mit meinem Bruder betreibe ich ein Studio für Personal Training, genau am Tag des Beginns der Kontaktsperre wollten wir den zweiten Laden eröffnen, weil es vor der Coronakrise so gut lief. Die Termine mit unseren Kundinnen und Kunden hatten wir längst vereinbart, die Party war organisiert, das Bier stand kalt. Dann kam Corona. Von Tag zu Tag verschlimmerte sich die Lage in Deutschland – und uns wurde gegen Ende der Woche immer klarer, dass die Party nicht stattfinden könnte – mehr noch, erst einmal müssten wir den neuen Laden wieder schließen.


Nur bauten genau darauf unsere Bankkredite: dass der Laden öffnet und schnell Geld bringt. Ohne die Einnahmen würden wir sie nicht zurückzahlen können. Es waren keine Millionen, aber ein Wert, für den wir lange hätten arbeiten müssen, er lag nicht einfach auf unserem Konto. Wenn es hart auf hart gekommen wäre, hätten wir Privatinsolvenz anmelden müssen, denn wir haften für den Kredit.





Ich blendete das dunkele Szenario in den kommenden Tagen aus und telefonierte fast täglich mit der Bank, suchte nach Lösungen, erkundigte mich nach Wirtschaftshilfen. Während gefühlt fast die halbe Republik in die Schockstarre des Lockdowns verfiel, mussten wir in den Kämpfermodus schalten. Die Hilfen vom Staat kamen schnell, doch schon bald gab es den nächsten Stein im Getriebe. Die Stadt wollte nach einigen Wochen uns nicht wiedereröffnen lassen, obwohl ein Personal-Training-Studio kein Fitness-Studio ist. Ein wichtiger Unterschied: Es gibt viel Platz und nur wenig Leute sind zur gleichen Zeit da. Die Gefahr einer Ansteckung war aus diesem Grund viel geringer. Mit den Behörden lieferten wir uns einen Briefkampf. Denn den Fitness-Studios war es noch verboten zu eröffnen. Wir zogen bis vor das Hamburger Verwaltungsgericht, leider ohne Erfolg – aber wir konnten nichts unversucht lassen, um weitermachen zu können. Dann kam endlich die Erlösung und mit den Einnahmen und den Coronahilfen konnten wir den Kredit weiter gut bedienen.


Das Trainingsstudio Athletik Docks ist nur eines meiner Projekte. Mit drei Freunden zusammen habe ich einen Online-Shop für Matratzen aufgebaut. Wir brauchten dafür keine Millionen von Investoren, sondern haben es ohne viel Geld schlank aufgebaut. Fast alles funktioniert automatisch. Es bringt jeden Monat so viel Geld rein, dass ich gut davon leben kann und glücklich bin. Für meine Neuköllner Wohnung und ein gutes Leben reicht es jedenfalls.





Die Berliner Start-up-Szene meide ich. Denn es geht beim Small-Talk meist nur darum: Wer hat mehr Geld eingesammelt? Wie hoch war der Exit? Ich will mich abends bei einem Bier nicht ständig über Umsätze und Gewinne unterhalten. Mein Freundeskreis besteht aus Lehrern, Architekten, Menschen in sozialen Berufen - in anderen Worten ein ganz normales Umfeld. Das hilft, die Perspektive nicht zu verlieren, welche Themen im Leben wirklich wichtig sind.