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Dumplings gegen schlechte Nachrichten

Verena Hubertz, Kitchen Stories


Wenn es schlechte Nachrichten gab, gingen wir Dumplings essen. In einem kleinen Restaurant in der Nähe unserer Wohngemeinschaft waren meine Mitgründerin Mengting und ich in der Anfangszeit ​unseres Start-ups Kitchen Stories Stammgäste.



Nach dem Studium hatte es uns nach Berlin gezogen, wir wollten etwas Eigenes aufbauen. Auf unserem Zettel standen eine Restaurant-Kette für Burritos, Mengting wollte das erfolgreiche Konzept von Chipotle Mexican Grill nach Europa holen, sie mag nicht mal Burritos. Eine andere Idee von uns: den Markt für Orthopädie-Zubehör aufrollen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, mich in den kommenden Jahren mit Rollatoren und Gymnastikbällen zu beschäftigen. Wir verwarfen beide Ideen.


Irgendwann einigten wir uns auf die Idee für eine Koch-App. Wir wollten per Video vorführen, wie Gerichte gekocht werden, damit sie jeder und jede ganz leicht nachkochen kann. Die Idee stieß erst einmal auf wenig Gegenliebe. Die Start-up-Investoren interessierten sich nicht für das Konzept. Wir seien zu unerfahren, die potentielle Konkurrenz zu groß. Es hagelte Abfuhren. Parallel machten unsere Eltern Druck und fragten sich: „Was machen die da eigentlich in Berlin so lange?“


Wir hielten die vier, fünf Monate durch, entwickelten mit viel Improvisation ein Kochstudio, drehten die ersten Rezept-Videos, ließen die App entwickeln. Der Durchbruch kam dank Apple: Das Unternehmen empfahl uns kurz nach Start unserer App in seinem App-Store. Mit dem Ansturm der Nutzerinnen und Nutzer stieg plötzlich auch das Interesse der Investoren-Szene, wir konnten schnell eine Finanzierungsrunde abschließen.





Unser Start-up Kitchen Stories haben wir vor einiger Zeit die Mehrheit an die Bosch-Tochter BSH verkauft. Auch damals gingen wir Dumplings essen – um unseren Erfolg zu feiern. In ein paar Monaten verlasse ich mein Start-up und widme mich der Politik. Für die SPD möchte ich in den Bundestag einziehen.


Dass wir einmal gemeinsam mit einem Unternehmen unsere Vision fortführen würden, war lange nicht abzusehen. Am Ende der Geschichte mag es vielleicht so aussehen. Gerade die Zeit nach der ersten größeren Finanzierungsrunde aber war schwierig. Wir mussten viel ausprobieren, versuchten in anderen Ländern mit anderen Sprachen Fuß zu fassen – und mussten einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schweren Herzens wieder entlassen, weil das Experiment nicht klappte. Es waren harte, schmerzhafte Entscheidungen.





In Ratgebern und im Internet gibt es zahlreiche Texte darüber, wie man als Chefin ein Entlassungsgespräch richtig führt. Schwieriger ist es, die Menschen, die für mich arbeiten gut weiterzuentwickeln und in ihren Fähigkeiten zu fördern. Genau wie wir haben sie viele Dinge zum ersten Mal gemacht. Mittlerweile arbeiten in vielen Positionen auch Menschen, die Dinge besser machen als ich. Zu dieser Erkenntnis wäre ich gerne früher gekommen.