• Julian Leitloff

„Ich habe Zweifel“

Mein Name ist Julian Leitloff. Wenn Du meinen Namen googelst, findest Du Artikel, die ausschließlich vom Erfolg handeln. Noch während meiner Zeit an der Uni habe ich ein Start-up gegründet, das Schmuck aus dem 3D-Drucker verkauft. Als junges Unternehmen haben wir eine alte Industrie aufgemischt, so wird es dort zu lesen sein. Unddass das Geschäft läuft. Vor vier Jahren hat mich das Wirtschaftsmagazin Forbes auf die Liste der aussichtsreichsten Gründer gewählt. Die »30 under 30« in Europa, dazu zähle ich. Jung und erfolgreich. Hat jemand noch Zweifel?


Ich habe Zweifel.


Denn natürlich war und ist nicht alles so perfekt, wie es manche Artikel, manche Kennzahlen, manche Listen suggerieren. Manchmal spielen sich einzelne Tage vor meinem inneren Auge noch einmal ab. Zum Beispiel der Tag, an dem ich meinem besten Freund auf einem Spaziergang gesagt habe, dass er unser Unternehmen verlassen müsse. Wir kennen uns seit Kindertagen, haben das Start-up mühsam zusammen hochgezogen. Doch es war für seine Fähigkeiten kein Platz mehr bei uns. Es war die härteste Entscheidung, die ich in meinem Leben fällen musste. Oder als ich zu Hause bei meinen Eltern im Keller saß, den Kopf in den Händen, weil kein Investor für unser Vorhaben Geld geben wollte – und meine Beziehung auf der Kippe stand. Meine ganze Welt war kurz davor, zusammenzubrechen.


​Es sind diese Geschichten, die man nicht so oft findet über Gründer und Start-ups. Ich will meine Geschichte erzählen, weil ich überzeugt bin, dass Ehrlichkeit hilft. Sie hilft mir zu verarbeiten, was ich in den Jahren eigentlich gemacht habe. Sie hilft aber auch anderen zu verstehen, was es heißt, ein Unternehmen aufzubauen. Denn es gibt nicht dieses Gründungsgeheimwissen, das nur eine teure Privatuni vermitteln kann. Stattdessen finden wir die nötigen Eigenschaften und dieses Wissen oft bei den Menschen in unserer Umgebung – eine Mischung aus Mut, Dickköpfigkeit und Durchsetzungsstärke.


Es war hart, jeden Morgen den Druck aufs Neue zu spüren. Kunden, die das falsche Produkt bekommen haben und mich dafür verantwortlich machten, Zehntausende Leute, die den Server zum Abstürzen brachten – oder Investoren, die meinen Urlaub kürzen wollten. Als Geschäftsführer musste ich jedes Feuer löschen. Und es kamen immer neue Brandherde dazu.


Dafür wurde ich auch mit krassen Glücksmomenten belohnt: Wenn jemand unseren Schmuck kaufte und ein Foto davon auf Instagram postete. Oder als wir die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt haben, die sich auf uns verlassen haben, die mit uns arbeiten wollten. Die für unser Jobangebot von New York nach Berlin gezogen sind.


Ich kann noch keinen Exit vorweisen – das bedeutet, dass ein Gründer sein Unternehmen verkauft, die Währung der Start-up- Szene –, habe Freundschaften riskiert, Gelder von Investoren verbrannt, die sie vielleicht nie wiedersehen. Eine Krise hat die nächste gejagt und die Erfolgsgefühle hielten oft nicht lang an. Trotzdem würde ich es wieder tun.


Julians ganze Geschichte lest ihr in unserem Buch „Keinhorn“.